Sony PCM-7010

Erwerb eines “Boatanchors”

Eigentlich wollte ich so einem Klotz gar nicht mehr haben – aber dann war das Interesse gering und für den Gegenwert von nicht mal drei Taschenbüchern habe ich einen Sony PCM-7010 ersteigert. Wahrscheinlich haben auch die 2300 Kopfstunden abgeschreckt, die Trommel zeigt aber bisher keine erhöhten Fehlerraten. Natürlich war das Gerät defekt. Unter den “großen” Sonys ist dieses Modell vorzuziehen wegen der sehr aufwendigen Mechanik und Elektronik. Das Servicehandbuch gibt es bei Hifi-Engine, und man kann sich vorab schon mal ein Bild machen. Der Aufwand den Sony getrieben hat ist fantastisch. Im symmetrischen Ausgang ist pro Kanal ein M5220P mit zwei Endstufen für das positive und negative Signal mit zusammen 20 diskreten Transistoren verbaut. Der M5220P verträgt höhere Speisespannung als ein Standard-Operationsverstärker, hier wird mit +-22V gearbeitet. Um einen Ausgangskondensator zu vermeiden wird die Offsetspannung mit je einem Integrator kompensiert. Dieser Schaltungsteil ist nur für die symmetrischen Ausgänge zuständig – für den Kopfhörer gibt es einen separaten Verstärker, mit einem NE5532 und je einer Endstufe mit 4 Transistoren pro Kanal!

Weitere Schmankerl sind 4-Kopftrommel mit Hinterbandkontrolle und die Möglichkeit von analogen Quellen mit 44,1 kHz aufzunehmen.

Eingebaut war der Zusatz für S/PDIF Ein- und Ausgänge sowie das Memorymodul. Das erlaubt es ca. 4 Sekunden Audiomaterial in einen RAM-Speicher zu laden. Springt man bei eingeschalteter Memoryfunktion zu einer Startmarke, lädt der Recorder automatisch die Audiodaten ca. 2 Sekunden vor und 2 Sekunden nach der Marke in den Speicher durch Hin- und Herrangieren das Bandes. Jetzt kann man mit dem Bedienrad den Anfang framegenau anfahren und beim anschließenden Druck auf die Starttaste wird die Musik ohne jegliche Verzögerung abgespielt, zuerst aus dem Speicher und dann weiter vom Band.

Die Optik ist natürlich gewöhnungsbedürftig und sicher nicht wohnzimmertauglich. Erste Test machten keinen so schlechten Eindruck: Band wird gut eingefädelt, Bandtransport an der Andruckrolle klappt, rechte Spule dreht nicht.

Revision des Laufwerks

Zum Ausbau muß man zuerst alle Stecker zur Servoplatine lösen. Die Platine selbst sollte man nach Lösen ihrer Befestigungschrauben zu Seite klappen. Hier sind alle Stecker unverwechselbar. Die Zuleitungen zu den Kopfverstärkern sind nicht markiert, hier sollte man ein “M” bzw. “S” für PBRFM und PBRFS auf die Stecker schreiben. Drei Schrauben reichen und man kann das Laufwerk herausnehmen – die Status-LEDs sind auf einer Platine am Laufwerk befestigt, daher muß noch eine Steckverbindung zur Frontplatine gelöst werden.

Laufwerk umdrehen und alle Stecker des MD-Boards lösen, Platine abschrauben, Elkos wechseln und zur Seite legen. Auf dem Motorblock ist jetzt eine kleine Aluplatte, die gelöst werden muß, dann sind die Schrauben des Motorblocks zugängig. Um den Motorblock zu öffnen die beiden kleinen Dreizack mit den Federn abschrauben, dann kann man beide Platinen auseinanderbiegen. Bei mir zeigte sich jetzt der Fehler der den Betrieb verhinderte: Einer der Bremsbeläge war mit dem Antrieb verbacken. Ich habe beide gegen kleine Gummistückchen aus Fahrradflicken ausgetauscht, Stücke aus Filz hatte für mein Gefühl eine zu geringe Bremswirkung. Falls die Linearmotoren sich leicht drehen lassen braucht man nichts machen, sie sind kugelgelagert und müssen nicht nachgeschmiert werden. Falls nötig mit etwas Kraft nach oben abziehen, durch die Magneten haften die etwas fest. Ich habe auch die Elkos gewechselt, wenn man das Ding schon mal auf hat, allerdings sind die bei Reichelt erhältlichen Miniaturelkos etwas höher so daß ich eine kleine Unterlegscheibe eingefügt habe.

Zum Tauschen der Elkos der Kopfverstärker habe ich schon alles nötige bei dem Bericht über meinen DTC-690 gesagt.

Jetzt kommt der größte Spaß, die Revision des Drehkranzlaufwerks. So schlimm ist es aber wirklich nicht. Der große Vorteil des Laufwerks im 7010 ist das Fehlen des Rotaryencoders. Die Positionsbestimmung der Mechanik geschieht über Hebel und Mikroschalter. Man muß lediglich beim Zusammenbau beide Drehkränze in der richtigen Stellung synchronisieren, dafür hat Sony drei Bohrungen vorgesehen. Zuerst also den Capstanmotor ausbauen, dazu die drei Schrauben auf der Oberseite lösen. Die Welle ist gut geschützt, da passiert nichts. Antriebsriemen entfernen, Speichenzahnrad abnehmen, alles säubern und fetten. Um die Drehkränze zu entfernen kann eines des Lager gelöst und zur Seite gedreht werden. Die kleine Arme an jedem Drehkranz direkt an den Bandschlepphebeln lösen. Ausbau geht zwar auch wenn man die Federn aushakt, der Einbau später ist aber kaum möglich. Beide Drehkränze säubern und die beweglichen Teile nachfetten. Auch die Laufbahnen der Bandschlepphebel säubern, sehr sparsam fetten und den Lauf kontrollieren: Beide müssen leicht und ohne Hakeln in ihre Endstellung laufen. Bei Drehkränze montieren und wieder mit den Bandschlepphebeln koppeln. Jetzt bringt man die beiden kleinen Löcher in den Drehkränzen mit einem Loch im Chassis zur Deckung und setzt das Speichenzahnrad wieder auf. Mehr Aufwand ist nicht nötig. Alles manuell einmal durchspielen, fertig.

Der Zusammenbau geht jetzt in umgekehrter Reihenfolge vor sich und durfte keine Probleme mehr bereiten. Laufwerkschassis umdrehen und von oben noch die Kopftrommel sowie alle Bandlaufteile säubern. Die Andruckrolle kontrollieren, meine war noch gut, Ersatz läßt sich in jedem Sony Streamer finden, die bekommt man häufig für wenig Geld und liefern auch noch andere nützliche Teile wie Sicherungsringe.

Der Funktionstest ergab anschließend folgendes Fehlerbild: Wiedergabe – auch mit Ton-, Vor- und Rückspulen funktionierten jeweils für etwa 2-3 Sekunden. Dann stoppte der Recorder mit Fehler 2-50 (Take-up reel motor has stopped) Da die Aufnahmespule sich definitiv bewegte und auch kein Bandsalat entstand ging ich zunächst von einem Defekt des Optokopplers aus, der die Bewegung der Wickelspulen auswertet. Leider findet sich die Schaltung des Motorblocks aber nicht im Servicehandbuch. Also ist etwas “Reverse Engineering” angesagt: Laut Schaltbild ist Pin1 mit 5V zu versorgen, Pin 12 (braun) ist Masse. An Pin9 ist das Signal für das “Takeup-Reel” und an Pin10 für das Suppy-Reel – FGT bzw. FGS. Einfach mal einen Oszi drangeklemmt und manuell den Motor gedreht:

PCM-7010 Supply Reel

PCM-7010 Takeup Reel

Hier war also alles in Ordnung. Weitere Signalverfolgung zeigte dann daß Pin1 des Steckverbinders CN051 auf dem MD-Board eine schlechte Lötstelle hatte. Nachlöten und er spielt!

Revision des Elektronik

Wenn das Gerät dann wieder läuft muß man sich überlegen wieviel weiterer Aufwand nötig ist. Da bei mir volle Funktion gegeben war lohnt meines Erachtens eine Komplettüberholung. Als Minimalrevision sollte man noch alle SMD Elkos tauschen, auf dem Servoboard, auf der Frontplatte und auf dem Remoteboard. Die folgenden Bilder zeigen den Zustand nach Entfernen der Elkos und nach Säubern der Pads auf dem Servoboard. Hier waren alle Elkos undicht!

Pads gesäubert

Elkos nach Wiedereinbau

 

Elkotausch wird immer kontrovers diskutiert. Alle immer tauschen, oder alles lassen wie es ist und erst reparieren bei Problemen sind die Positionen der einen oder anderen Seite. Ich hätte gerne ein zuverlässiges Gerät, zu überschaubarem finanziellen Aufwand, so daß ich mit Ausnahme der Siebelkos alle getauscht habe. Das sind so knapp 20€ Materialkosten. Gemessen lagen die meisten in der Kapazität schon niedrig, z.B. statt 330μF nur so 200μF bis 220μF.

Die Spannungen am positiven und negativen Pin des symmetrischen Ausgangs waren nicht identisch. Dies lang aber nur an einem falschen Abgleich der Symmetrierstufe. Zuerst RV 106 und 206 auf Mittelstellung bringen, dann RV105 und 205 auf annähernd gleiche Ausgangsspannung einstellen. Jetzt am Oszilloskop beide Kanäle addieren und das Differenzsignal mit RV106 und 206 auf Minimum bringen. Die Abgleichanleitung findet sich im Supplement 2 des Servicemanuals.

Restliche Arbeiten

Frontplatte abnehmen, inkl. der Knöpfe säubern – ich nehme hier Fettlöser (Breff o.ä.) aus der Küche. Die Plexiglasscheibe säubern und polieren (Xeropol). Die beleuchteten Tastenkappen lassen sich leicht aushaken und abnehmen zur Säuberung.

Kleiner Tip noch: Wenn man von externen Digitalquellen aufnimmt, den „Sync“ Schalter auf extern stellen – sonst synchronisiert er sich nicht auf das Signal. Nimmt man „int“ erwartet er auf seinen eigenen Takt synchronisierte Daten.

 

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