5 Monate Medical Office – eine Bilanz

„To avoid hindsight and so far as possible to interpret past records in the light of contempory, not later, habits of mind is a fundamental lesson  for every historian. Unless he learns this lesson he cannot present a fair and  balanced picture of the past.“ [1]

Nach mehr als 2 Jahren „Medical Office“ möchte ich einmal eine persönliche Bilanz ziehen. Ich veröffentliche diesen Text auch ausdrücklich hier und nicht in einem geschlossenen „Arzt“ Forum, es handelt sich um meine Meinung, Kollegen unserer Praxis sehen das möglicherweise ganz anders.

Wir sind ein eigentümergeführtes MVZ mit mehreren Standorten, bisher haben wir Albis benutzt, die Vernetzung wurde über OpenVPN und Nutzen von Terminalservern ermöglicht. Wen es interessiert findet mit etwas suchen nach meinem Namen leicht genaueres heraus.

Zum Verfasser ist zusagen, daß er als Funkamateur nicht nur weiß wo beim Lötkolben vorne ist, sondern seine ersten Gehversuche auf Computern mit einem KIM-1 und einem Commodore PET 2001 erfolgten. Über Atari XE und ST, der Doktorarbeit mit Lotus Symphony, allen Windows Betriebsystemen seit WFW 3.11 erfolgte der Weg bis zu Win10 heute. Meine Linuxrechner administriere ich am liebsten immer noch auf der Kommandozeile. Ich entspreche also nicht ganz dem Durchschnittsbild eines niedergelassenen Mediziners.

Gründe für einen Umstieg von unserer bisherigen Praxissoftware (Albis) gab es viele. Mangelnde Stabilität, ermüdend langsames Arbeiten trotz aktueller, üppig ausgestatteter Hardware, erheblicher Administrationsaufwand u.a bei Updates, und eine Geschäftspolitik, die man als Kunde mit „Friß oder stirb“ beschreiben kann. Wir arbeiten „papierlos“ mit einer extern an Albis angedockten Dokumentenverwaltung, die nach dem letzten Update ebenfalls aus Geschwindigkeits- und Stabilitätsgründen fast unbenutzbar geworden war. Bedingt durch die Terminalarbeitsplätze war die VPN Verbindung immer kritisch – bei Ausfall lief an den Remote-Standorten gar nichts

Medical Office hat den großen Vorteil auf einer echten SQL Datenbank (Firebird) aufzusetzen und standortübergreifendes Arbeiten zu unterstützen. Jeder Standort hat seinen eigenen Datenbankserver, die Synchronisation unter den Standorten erfolgt automatisch in einstellbaren Intervallen. Ein Dokumentenmanagement ist integriert.

Der Umstieg im laufenden Quartal war problemlos, alle Scheine und Leistungen wurden korrekt übernommen. MO erwies sich als schnell und stabil, Abstürze sind rare Ausnahmefälle und betrafen bisher nur Clients. Datenbankprobleme hatten wir bisher nicht, ein echter Fortschritt. Der Administrationsaufwand z.B. bei Updates ist wesentlich geringer als bei Albis.

Wie gestaltet sich nun das Arbeiten mit MO?

Zuerst gehen wir mal in unserer Tagesliste, Doppelklick auf den Patienten – es öffnet sich ein Fenster mit den Termindaten. Wie ruft man einen Patienten auf? Mit „v“ für „Vorbereiten“. Langer Klick in das Infofenster der Terminliste um eben eine Info eintragen – geht nicht. Geht nur mit Rechtsklick, aber bitte nicht gerade auf dem sehr kleinem Bereich mit dem Statusicon – da kann man nur den Status ändern. Will man das tun muß man natürlich genau dieses schmalen Bereich treffen.

Ok. dann suchen wir mal eine Patienten über die Suchfunktion, klicken in an und tippen „v“. Äh, nein, hier braucht es einen Doppelklick. Und in der Liste der Statistikfunktion geht es weiter entweder über ein extra Icon, oder mit Doppelklick, ja aber nicht auf den Namen, sondern auf den Bereich unterhalb des Namens,in den ein paar Vorinformationen z.B. gefundene Fehler abgezeigt werden.

Wer ein routinierter Bediener von Windows ist kommt an den meisten Stellen nicht mit erlernten Standardkonzepten weiter. Damit könnte man ja noch leben, wenn das Bedienkonzept durchgängig gleich wäre. Ich ertappe mich aber immer noch mal, das ich abends an der Fehlerliste x-mal „v“ tippe, bis mir einfällt das ich jetzt ja so nicht weiterkomme.

Das MO-Fenster ist im wesentlichen ein Anzeigefenster, das auch immer nur einen aktiven Patienten anzeigen kann, ohne Editiermöglichkeit. Wenn ich einen Text eingeben will, oder einen bestehenden editieren, öffnet sich ein zweites Fenster, das ich mit Ctrl+S (oder Mausbedienung) dann verlassen muß. Leider sind diese Fenster modal und blockieren das Hauptfenster komplett. Während der Anamneseerhebung mal eben kurz durchschauen was so alles schon gemacht wurde – unmöglich. Bei Albis konnte ich sogar einen anderen Patienten aufrufen, mal eben eine Heilmittelverordnung vor Unterschrift kontrollieren und dann wieder zurück – und der Cursor stand genau da wie zuvor.

Zwar ist das ganze Programm mit der Tastatur bedienbar, die Kürzel auch durchaus merkbar („ta“ Text/Anamnese, „tb“ Text/Befund, aber durch die Tatsache das es 1- und 2 Buchstaben Kürzel gibt läuft man in interessante Situationen: Ich möchte die Diagnose „Iliosakralgelenksblockierung“ eingeben, Tippe „d“ und dann „ilio“ und lande in einem völlig falschen Fenster. Vertippt? Nochmal, gleiches Ergebnis. Was passiert hier? Das Programm wartet noch einen Moment ob ein zweiter Buchstabe kommt, und nimmt dann das Kürzel „io“. Tippt man „d“ und einen Buchstaben für den es keine Kombination gibt, landet man zwar im Diagnoseauswahlfenster, aber der erste Buchstabe des Suchbegriffs ist futsch. Nun ja.

Wer jetzt sagt, das hättet ihr vorher doch merken können , ja schon, aber dafür müßte man schon stundenlang genau seinen Tagesablauf durchspielen – in den Vorführungen der Firma sieht das ja alles immer flüssig und gekonnt aus.

Fazit:

  • MO ist stabil, schnell, der Administrationsaufwand ist wesentlich geringer als bei unserer bisherigen Praxissoftware.
  • Die Möglichkeit der Standortvernetzung ist ebenfalls stabil, die Synchronisation ist schnell, Ausfälle des VPN-Tunnels merkt man natürlich nicht mehr, dies ist meiner Kenntnis nach ein Alleinstellungsmerkmal von MO
  • Das Bedienkonzept ist altbacken, mühselig und nicht intuitiv

Lohnt der Umstieg? Bei einem Unternehmen unserer Größe und unserer Anforderungen ja. Bei einer kleineren Praxis – bis 3-4 Ärzte – sollte man genau überlegen was man braucht und wo die Probleme liegen.

Und noch etwas kostenlose Unternehmensberatung für Albis: Macht einfach mal wieder ein stabiles schnelles Produkt. Das Bedienkonzept könnt ihr lassen.

[1] Ralph Bennett: Behind The Battle – Intelligence In The War With Germany, London, 1994, p. 4

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