Motorradführerschein – bist Du verrückt?

„Auch das mit der Midlife-Crisis sehe ich gelassen. Selbst wenn dem so wäre, wäre es eine Krise in ihrer schönsten Form. [1]

Eigentlich war der Wunsch schon längere Zeit da – angefangen mit meinem Parisurlaub, in dem ich mir die ganzen Motorräder und Roller angeschaut habe. Das wäre doch etwas um damit zur Arbeit zu fahren, und am Wochenende dann mal eine schöne Tour ins Münsterland. Nun darf durfte ich nur die kleinen Roller bis 50 Kubik fahren, und das sah dann doch nicht sehr genußvoll aus. Kurz habe ich dann noch über einen der dreirädrigen Roller mit Autozulassung nachgedacht – jaja, kein Kommentar bitte, um den Gedanken dann doch ad akta zu legen.

Leider fraß sich der Gedanke dann doch durch mein Hirn, um irgendwann wieder virulent zu werden. Leider gab es da noch so ein paar Probleme, die es zu lösen galt:

  • Das Auswendiglernen der mehr oder weniger sinnvollen Fragen. Geschenkt, ich bin Mediziner, und die fragen ja beim Auswendiglernen nur „Bis wann“ und nicht „Warum“.
  • Der theoretischen Unterricht hat Anwesenheitspflicht (!!) Och nee, neben kichernden Backfischen zu sitzen die jünger sind als mein jüngstes Kind, lieber nicht.
  • Abends nach der Arbeit noch Lust auf eine Fahrstunde habe ich auch meist nicht. Zumal Feierabend nicht immer so ganz pünktlich und planbar eintrifft.

Nun bin ich nicht der einzige mit diesen Problemen, dafür gibt es die Biker School in Dülmen. (Fast) nur alte Leute, und in einer Woche zum Führerschein klang gut. Schnell einen Kurs am Ende des Quartals gebucht – dann lohnt das Arbeiten eh nicht mehr so richtig – und der Führerschein erscheint doch machbar.

Wer keine Lust auf dumme Kommentare hat sollte das Vorhaben möglichst geheim halten. Lebenspartner sollte man einweihen, die wundern sich sonst über den abnehmenden Platz im Kleiderschrank. Antizyklisch kaufen lohnt sich, so habe ich nach und nach Motorradkombi, Stiefel und Handschuhe im letzten Herbst in neutralen Tüten nach Hause getragen –  „leider“ wohnt ein Motorradfahrer über uns, der sollte ja noch nichts merken. Für den Louis-Katalog in der Post hatte ich mir noch eine Ausrede zurechtgelegt. „Will was verschenken“. Die kann man natürlich nicht zu häufig benutzen.

Nun leben wir ja in Deutschland, und die Idee einfach 35 km vom Wohnort entfernt eine Prüfung ablegen zu wollen, hat wohl etwas revolutionäres. Zumindest gibt es eine „Kann“ Bestimmung, nach der die Kirche der Staat Absolution erteilen kann, sofern man brav einen Antrag stellt und einen kleinen Besinnungsaufsatz mitschickt. Netterweise stellt die Bikerschool einige Mustertexte zur Verfügung. Ein bißchen erninnerte mich das an meine Kriegsdienstverweigerung vor 30 Jahren, da waren ähnliche Textvorlagen auch sehr wichtig. Na gut, vor einer Kommission aussagen mußte ich dann doch nicht.

Der Winter ging, das Frühjahr kam ja schon im Februar, und mit ihm die zahlreichen Biker – und ich weiterhin auf dem Mountainbike. Das machte das Warten nicht einfacher.

Freitag:

„…..die Seilzugkupplung ist nicht ganz tückenfrei dosierbar [2]

Am Vorabend hatte ich schon mal alles ins Auto gepackt, um ja nichts zu vergessen. Kurze Anreise nach Dülmen, in den reizvollen „Dülmener Hof“, und schon mal die neuen Kollegen beäugen. Später in der Fahrschule dann Vorstellungsrunde, wie alt, was macht ihr so, warum Motorradfahren lernen und nicht was Vernünftiges, und erste theoretische Grundlagen. Ich bin übrigens der Älteste in der Gruppe, das war für mich dann doch einen neue Erfahrung. Nach und nach trudeln die Teilnehmer des Vorkurses von der Prüfungsfahrt ein, und sind alle in so seltsam gelöster Stimmung!

Nachmittags geht es dann zum Übungsgelände auf die Kaserne. Erstes Schieben des Motorrades und schon mal Probesitzen -wow, das ist doch ein ganz schöner Trumm und schon was anderes als ein Mountainbike. Fahren darf man dann auch schon, aber mehr als den zweiten Gang lernt man noch nicht kennen. Ich lerne vor allem den Anlasser kennen, die F800R ist verflucht leicht abgewürgt. Meine Fahrlehrerin Katja ist aber ein Ausbund an Geduld. Der lange Slalom geht recht gut, Kreisfahren noch befriedigend, langsamer Slalom gar nicht. Stop-and-Go macht mir mit dem linken Fuß Probleme, da ich sowohl auf dem Rennrad als auch auf dem Mountainbike immer den rechten Fuß herunternehme – eine Reminiszenz an die Zeit als man noch mit Spurthaken fuhr und ich auf der rechten Seite die Riemen nie ganz fest gezogen habe.

Samstag:

„Thobela hatte zweimal in Killarney geholfen, als wohlsituierte weiße Männer mittleren Alters an der BMW-Motorrad-Schule lernten, und nun bereute er, nicht besser aufgepaßt … zu haben [3]

Zuerst wieder Theorie, nachmittags dann wieder zur Kaserne, und weiter Üben. Stop-and-Go die bekannten Probleme, einen Fortschritt beim langsamen Slalom kann ich auch nicht erkennen. Nachdem Bremsen und Bremsen mit Ausweichen gut funktioniert, fragt Katja mich gegen Ende, ob ich denn jetzt noch eine halbe Stunde Üben möchte oder noch etwas Spaß haben wollte – dumme Frage, Spaß natürlich 🙂 .

Ich darf also das erste mal den geschützten Käfig verlassen, und ab auf die Straße. Hier klappen die Kurven gut, auch mit der Geschwindigkeit komme ich gut zurecht. Katja fährt erst mal so 80 km/h, und nachdem ich nicht abreißen lasse auch 100. Ich genieße es erstaunlicherweise, und fühle mich auch nicht unsicherer als auf der Abfahrt mit dem Rennrad vom Col d’Izoard.

Sonntag:

Berufsbedingt erlaube ich es mir die Wiederholung der „Lebensrettenden Sofortmaßnahmen“ zu schwänzen, schnappe mir das Mountainbike und fahre auf einen nahen Aldiparkplatz. Dort übe ich etwa eine Stunde rechter Fuß – linker Fuß runternehmen, bis das im Schlaf klappt. Muß seltsam ausgesehen haben.

 Montag:

„Na, heute klebten die Fliegen dann ja schon mal vorne auf dem Helm [HaDe]“

Erst mal der (geplante) Fahrlehrerwechsel. Gerd übernimmt, und der Stil ändert sich schon etwas. Bestimmt kommt Gerd mit seinen Batterien im Sender länger aus als Katja 😉 .  Ab jetzt wird ab Morgens gefahren, die Theorie ist erst am späten nachmittag. Es geht nach kurzem Warmfahren raus aus der Kaseren, zuerst durch Dülmen, dann durchs Münsterland, mittags Treffen in einem Einkaufszentrum mit den Anderen zum Mittagsessen.

Dülmen sowie die anderen Städtchen in der Nähe haben übrigens einen Spezialvertrag mit der Bikers-School abgeschlossen. Alle denkbaren Verkehrschilder sind zahlreich aufgestellt, 30er Zonen wechseln alle 50 Meter mit 20er und 10er Zonen ab, ebenso gibt es einen raschen Wechsel von Rechts-vor-Links mit Spielstraßen, außerdem eine  sehr kreative Radwegsführung. Für die Ausbildung ist das wirklich optimal. Schade das nur die Einheimischen nicht so hohe Ansprüche an ihre Fahrtechnik haben und viele Schilder einfach ignorieren.

Nachmittags Autobahn, passenderweise gleich Hagel und Graupel nach der Auffahrt. Nee, Dosenbahn wird nicht meine Lieblingsdisziplin. Abends nach der Theorie dann noch die Nachtfahrt.

Schlafstörungen? Kenne ich nicht.

 Dienstag:

„Nein, umweltschonendes Fahren behandeln wir hier nicht. Schließlich wollen wir demnächst völlig sinnlos einfach nur durch die Gegend fahren [Gernot]“

Wieder längere Fahrten durchs Münsterland, die beginnen schon richtig Spaß zu machen. Mittags erste Initiationsriten in die neue Gemeinschaft mit dem Besuch eines Bikertreffs. Langsamer Slalom geht immer noch nicht. Gerd will mir mal die Übungen alle vorfahren und würgt die F800 einmal ab und wirft auch ein Hütchen um. Das versöhnt mich dann wieder etwas mit meiner Performance.

Nachmittags habe ich etwas Zeit und setzte mich in ein Café in Dülmen. Daneben wirbt ein Buchladen mit dem neuen „Gotteslob“. Ein paar Meter weiter ein Tatooladen „Colours of Pain“. Münsterland ist auch nicht mehr so wie ich es kannte.

 Mittwoch:

Langsam fügt sich das meiste zusammen. Sogar der langsame Slalom gelingt häufiger. Hoffnung kommt auf. Nachmittags setze ich mich ins Auto und kreise durch Dülmen und versuche mir die ganzen Ecken mit dem Schilderwald zu merken.

Donnerstag:

„Und, möchte den jemand später so’n Großroller fahren? Niemand? Na dann haben wir es ja richtig gemacht [HaDe]“

Morgens treffen mit den Anderen zum 2. Frühstück bei einem Bäcker in Dülmen. Gerd nutzt die Gelegenheit mir noch mal das schöne Dülmen zu zeigen. Nachmittags Fahrt zum TÜV, jetzt wieder im PKW, zur theoretischen Prüfung. Null Fehlerpunkte heißt, ich darf am nächsten Tag fahren.

Wir lassen den Nachmittag im Eiscafé in Dülmen ausklingen. Die Stimmung erinnert mich etwas an die letzten Tage vor Physikum oder Staatsexamen, wenn man sich noch mal mit den Kommilitonen in der Kneipe traf.

Freitag:

„Als Thobela auf den Tacho schaute, bemerkte er, daß er 130 zeigte, und dann grinste er in der Dunkelheit seines Helms über das Gefühl, etwas ganz Erstaunliches geschafft zu haben. [3]

Der große Tag. Mancher wirft extra noch einmal das Motorrad um,  um das dann schon mal erledigt zu haben – oder um die Stimmung noch etwas zu steigern. Ich fahre mich etwas ein, Gerd fährt vor, und gibt mir das Kommando, gleich mal die Grundfahraufgaben im aufgestellten Parcours durchzufahren. Erstaunlich, es klappt auf Anhieb. Das macht ja dann doch Mut. Anschließend bekomme ich die Aufforderung, doch mal her zu kommen und den Personalausweis zu zeigen. Ohne das ich es bemerkt habem hat Gerd den Prüfer aufgefordert doch schon mal zuzuschauen. Grundfahraufgaben erledigt!

Anschließend ein letztes Mal im Dülmenerhof warten, da die Prüfer erst Frühstücken. Nach Essen ist allerdings keinem der Prüflinge zu mute. Die Prüfungsfahrt klappt dann gut, Dülmen wird nur zügig durchfahren, und auf der Landstraße kenne ich mich ja aus. Als ich merke das es zur Kaserne zurückgeht, verkneife ich mir noch die Freude sondern zwinge mich in jede Ecke zu gucken: Jetzt bloß nicht noch einen Flüchtigkeitsfehler machen.

Anschließend wird an der Fahrschule gegrillt, die Stimmung ist sehr gehoben, mitleidige Blicke auf die armen Anfänger die das alles noch vor sich haben, und langes Fachsimplen über die zu erwerbende Maschine.

Montag:

„Er gab entschlossen Gas, er spürte die Kraft im Hinterrad, es kam ihm vor, als würde das Steuern leichter. Er wollte laut lachen. Was für eine gottverflucht wunderschöne deutsche Maschine! [3]

Ich nutze den letzten freien Tag bevor es wieder losgeht und kaufe in Coesfeld (wo sonst!) eine F800R. So kenne ich dann schon mal die Gegend bei meiner ersten Solofahrt!

F800R-20140331-001

 Tips für Alle die es nachmachen wollen:

  • Theoretische Prüfung nicht unterschätzen, auch wenn man 25 Jahre unfallfrei fährt. Einfach Auswendiglernen, nicht fragen. Wir hatten leider einen Ausfall zu beklagen.
  • Die Schuhe leiden erheblich, bis man den Kupplungs- oder Bremshebel richtig trifft. Zumindest ein paar billige Motorradstiefel vorab zu kaufen kann sich lohnen.
  • Kupplungshand trainieren – das ist die linke 😉 – z.B. Expander oder Powerball o.ä.
  • Nachtfahrten in Frühjahr und Herbst sind sehr kalt. Den Fahrlehrer ruhig mal nach dem Schalter für die Griffheizung fragen.
  • Kulinarisch ist die Woche (bzw. sind die Bikertreffs) eine echte Herausforderung. Die Vertrautheit mit Pommes rot-weiß oder Currywurst wird vorausgesetzt. Für mich als Kind aus dem Pott aber unproblematisch.
  • Grundfahraufgaben kann man durchaus mal mit dem Fahrrad vorab üben, z.B. Stop and Go.

PS: Ich sollte noch den Titel erklären: Es gibt nach meiner Erfahrung nur zwei Reaktionen wenn man erzählt daß man den Motorradführerschein gemacht hat. Völlige Begeisterung: „Toll, Klasse,  kann ich mal mitfahren, wann kommst Du vorbei?“ oder „Ach!“ mit sofortigem Themenwechsel – letzteres besonders bei der weiblichen Bevölkerung, auf das der jeweilige Partner bloß nicht noch auf falsche Ideen kommt.

[1] Peter Fahrenholz in der Süddeutschen Zeitung, 17.5.2010

[2] Peter Lüthi im „Fahrbericht F800R“

[3] Unbedingt Lesen: „Das Herz des Jägers“ von Deon Meyer. Thobela Mpayipheli, ein Zwei-Meter-Hüne vom Volk der Xhosa in Südafrika, macht sich auf den Weg mit einer Festplatte voller gefährlicher Daten Richtung Lusaka in Sambia. Wenn er es nicht tut, wird man seinen Freund töten. Hierzu „leiht“ er sich von seinem Arbeitgeber eine BMW R1150GS.

2 thoughts on “Motorradführerschein – bist Du verrückt?

  1. Schön zu lesen, Rainer, wie du die Woche erlebt hast. Mir ging es vor 2 Jahren genauso. Auch ich war der älteste Teilnehmer, was offenbar nicht von Nachteil ist, weil wir „Alten“ die nötige Gelassenheit mitbringen.

  2. Was treibt ihr nur für einen Aufwand?

    Hab in Italien gewohnt und den Führerschein fürs Moped gemacht. Das ging so:
    Haste einen Autoführerschein, kennst ja die Regeln und die Theorie fällt weg, denn Autofahren ist viel schwerer als Mopedfahren, wurde mir gesagt. Also ab zur Fahrschule und eine Genehmigung für ein Jahr geholt, damit ich jedes Moped bis xxx cbm (unbegrenzt PS und Hubraum) fahren kann. Erste Hilfe zählte vom Autoführerschein. Nochmal: Antrag gestellt und sofort ging es los mit dem Moped auf die Strasse, denn:
    Welcher Fahrschullehrer fährt schon freiwillig als Sozius mit ? Ich dann gleich auf einer verbeulten
    Susi, Spiegel ab, Auspuff frei und verbogene Griffe und Rasten. Die hatte wohl Asphalt hautnah erlebt. Erst mal eine Runde durch Meran gedreht, was auch klappte. Dann mal eben mit bzw. ohne Fahrschullehrer durchs Parkhaus, frei an den Zahlstellen vorbei aufs Parkdeck. Geht ja prima mit einem Moped sagte der Fahrlehrer und man spart Spesen. Bremsen üben und die 8 fahren musste ja noch sein. Wichtig war das es quitschte, der Rest war egal.Dann fuhr er mit seinem Auto davon und schimpfte über die Parkgebühren. Zick-Zack fahren wurde an den Zahlstellen geübt.
    Dann eben den Amtsarzt beglückt.Er konnte kein Deutsch und ich kein Italienisch. Es ging dann über 3/4 Sprachen. Der Inhalt war das ich ankreuzen sollte was ich habe. Diabetis, Cuore problemi usw. Hab dann gefragt bene o no bene und dann die Kreuze gemacht. Am Ende war ich gesund. Er meinte das ist alles MEINE Verantwortung und darauf sollte ich achten was ICH mache.
    Augentest: 5 Finger erkennen und Tomate von Weintraube unterscheiden. Also tauglich. Ich hatte damals eine Brille auf und er meinte: vado con lenti. Also fahren mit Brille. Klar, ohne Brille seh ich ja nix mit 3 +. Also war ich ein kerngesundes Kerlchen.

    All incl. hab ich dann 150.000 Lire bezahlt, ca. 80 Euro heute. Das war laut meinem Führerschein im Juli 2001. Mittlerweile wohnte ich bei München und bekam ein Schreiben das ich mein Führerschein abholen sollte. OK, ab auf meine Yamaha und über die Alpen um den Zettel abzuholen. Hat das gegossen und kalt wars in meinen tropfenden Sommersachen. Regen, Brille
    und Visier passen irgendwie nicht. Die Strasse über den Brenner ging fast nur im Blindflug.

    Andere Länder und andere Sitten. Die Italiener fahren auch nicht besser oder schlechter Moped als die Deutschen. Nur zum Autofahren mit dem flachen,roten Auto und dem schwarzen Wallach brauchten sie einen Anderen.
    Bernd

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